Als journalistische Texterin liebe ich es, Fragen zu stellen. Weniger gewohnt bin ich es, dass Leute mich neugierig befragen – und so haut es mich jedes Mal völlig aus den Socken, wenn jemand sich eine besonders knifflige Frage für mich ausgedacht hat – wie zum Beispiel diese.
„Aufbrechen oder ankommen?“, fragte mich die liebe Anja Kuhn in ihrem Podcast „Lebensgeschichten“. „Was ist dir lieber?“
Puh, da musste ich erst einmal tief durchatmen – ist doch das eine mit dem anderen aufs Engste verbunden.
Aufbrechen oder ankommen – was ist schöner?
Als Langzeitreisende erscheint mir diese Frage ähnlich unlösbar wie das Henne-Ei-Problem: Das Eine gibt es nicht ohne das Andere. Was war zuerst da? Darüber können wir uns den Kopf zerbrechen. Ewig, wenn wir nur wollen.
Aufbrechen oder ankommen? Immer wieder habe ich vor mich hin gegrübelt, was mir wichtiger ist. Schließlich sollte mir als Expertin für das Losfahren und Erkunden von neuen Orten dazu eigentlich eine perfekte Antwort einfallen.
Das Aufbrechen hat einen besonderen Zauber: Es geht los, etwas Neues beginnt, eine Reise, ein Abenteuer. Wir wissen nicht, was genau auf uns zukommt. Wir empfinden Vorfreude, vielleicht aber auch Unsicherheit oder sogar Angst.
Der Reiz des Aufbrechens liegt im Losgehen, im Aktivwerden, in der Bewegung ins Ungewisse.
Aufbrechen kann schön und anstrengend sein
Ein Aufbruch ist immer auch ein Abschied von einem Ort, einer Situation oder Menschen. Er ist alles andere als gemütlich, aber unumgänglich, wenn wir etwas Neues erfahren wollen. Für manche ist er pures Glück, für andere der mühsame Gang aus ihrer Komfortzone und ein Schritt, auf den sie lieber verzichten würden.
Ich mag all die kleinen Aufbrüche im Leben, das Weiterfahren an einen neuen Ort oder auch den Start in ein kreatives Projekt. Bei beidem haben wir ein Ziel. Aber wie es genau aussieht, wissen wir am Anfang noch nicht.
Dieses Gefühl beschwingt, macht enthusiastisch und fröhlich. Was wäre ein Leben ohne Aufbrüche?
Mit Aufbrüchen können aber auch oft schwere, melancholische Momente verbunden sein: Bei mir gehören dazu der Abschied von Tanzpartner*innen, Haustieren auf Zeit oder lieb gewordenen Gewohnheiten.
Ehrlich: Ich erlebe es nur sehr selten, dass ich einen Ort verlasse und innerlich juble: endlich weg hier!
Ankommen ist auch nicht immer pures Glück
Auf der anderen Seite kann es sehr, sehr langweilig sein, irgendwo angekommen zu sein. Es kann zu Stillstand führen. Auch das habe ich erlebt. Angekommensein ist nicht zwangsläufig ein Zustand der Glückseligkeit.
Das bedeutet: Ein Leben ganz ohne Aufbrüche funktioniert nicht. Aber was ist schöner – aufbrechen oder ankommen?
Aufbrechen ist so aufregend wie das Sich-ineinander-verlieben. Es ist auch oft mit einem Kribbeln verbunden.
Aber ankommen, sich auf einen neuen Ort einstellen, sich in einer Unterkunft „einrichten“, sich in der Fremde eingewöhnen, ist die wahre Kunst und Herausforderung beim Reisen, beim Umziehen und in Beziehungen.
Aufbrechen oder ankommen? – Meine Wahl
Auf Reisen bin ich mittlerweile sehr geübt im Ankommen: Ich mache es mir in einer neuen Unterkunft meistens schnell gemütlich. Ich kann gut improvisieren, wenn mir dort etwas fehlt. Ich arrangiere mich in Windeseile mit neuen Situationen. Auch stecke ich den Kopf nicht direkt in den Sand, wenn ich mich nicht sofort wohlfühle.
Denn auch das habe ich gelernt: Um an einem Ort anzukommen, braucht es manchmal ein paar Tage. Es ist leichter, sich nicht sofort ein Urteil zu bilden. Manchmal gibt es eine Liebe auf den zweiten Blick.
5 Großstädte, in die ich mich sofort verliebt habe
Ich bin nie aufgebrochen, um vor etwas abzuhauen. Ich bin immer aufgebrochen, um etwas Neues zu sehen, Menschen kennenzulernen und mich weiterzuentwickeln. Darum, ganz eindeutig – und das habe ich auch im Podcast geantwortet – bin ich trotz meiner vielen Aufbrüche ein Mensch des Ankommens. Und du?

